Das Berufsportal der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau

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EKHN/Felix GerberAcelya und ihre Volunteerkollegin vor dem Türhaus Gerechtigkeit.Acelya mit ihrer Volunteerkollegin

Lang ist es her

Gut ein Jahr ist es jetzt her, dass sich Acelya aus der Nähe von Bad Kreuznach in Rheinhessen nach Wittenberg aufmachte. Volunteer beim Reformationsprojekt r2017 wurde sie. Eigentlich sollte es ja für ein paar Wochen nach Frankreich gehen (nur der Sprache wegen) und anschließend wollte sie verschiedene Kirchengemeinden der EKHN kennenlernen, doch da es ein solches Praktikum mit so unterschiedlichen Stationen im In- und Ausland nicht gab, musste sie neu denken. Warum nicht ein Jahr mit vielen anderen Volunteers beim Reformationsjubiläum in Wittenberg dabei sein? Junge Menschen aus aller Welt treffen und das Festwochenende während des Kirchentags, Konficamps und die Weltausstellung dort erleben. Acelya ist begeistert. Motiviert nimmt sie nach dem Abitur an einem der ersten Auswahlwochenenden teil. Sie ist dabei und soll das r2017 von Anfang an mit aufbauen. Ihre Erwartung ist: Jetzt lerne ich Projektdurchführung und erlebe viel.

Bis dahin waren ihre Familie, Freundinnen und Freunde neben der Schule ihr Mittelpunkt. Jetzt nach dem Abitur wird alles anders. Ihre Familie bleibt zurück und Freundinnen und Freunde gehen zum Studium oder dualen Ausbildungen an die verschiedensten Orte in Deutschland. Von Passau bis Lübeck, oder sogar nach Neuseeland für einige Monate. Doch nicht nur die räumliche Trennung führt dazu, dass Acelya ihren Freundeskreis überdenkt. Es werden weniger, die sie von nun an zu ihren Freunden zählt.

Wenn diese ihr sagen: „das kommende Jahr wird dich sehr verändern“, dann kann sie sich das nicht vorstellen. Menschen verändern sich schließlich ständig, wie groß soll da die Veränderung schon sein? Nur weil sie weggeht, wird sie doch kein anderer Mensch.

Ankommen in Wittenberg

Dann geht es los. Erst einmal müssen die ganzen Wohnungen für die vielen Volunteers hergestellt werden. Die Straße der Völkerfreundschaft hat viele leerstehende Plattenbauten, die mit Hilfe von Farbe und den Möbeln eines schwedischen Möbelhauses zweckmäßig hergerichtet werden. Manche Arbeitstage sind sehr lang und gute Planung der Abläufe wird immer wichtiger.

"Du hast dich ganz schön verändert", heißt es dann in den Telefonaten mit den Eltern und so langsam wird Acelya klar, woran das liegt: Sie muss immer mehr Entscheidungen selber treffen. "Ich kann und ich will nicht mehr wegen jeder Kleinigkeit zuhause anrufen. Es ist gut, Dinge selbst zu klären und Verantwortung zu übernehmen." Heute, wenige Wochen vor Ende ihrer Zeit in Wittenberg, ist es so, dass ihre Familie sie öfter anruft, als sie zuhause. Was sie für ihr Leben braucht, hat sie sich in Wittenberg aufgebaut.

Wenn sie auf ihre Zeit zurückblickt, dann gab es unterschiedliche Phasen: der Aufbau und die Vorbereitungen, dann der Winter. Der war lang und hatte wenig zu bieten. "Ich komme vom Dorf und mag das Dorf, aber ich dachte schon, dass Wittenberg eine Stadt ist." Das ist es auch, aber eben eine Stadt in den neuen Bundesländern, in der nach der Wende vielen jüngere Menschen aufgrund von Arbeitslosigkeit in den Westen gegangen sind. Außer der Werkstadt des Internationalen Bundes und einer Musikkneipe hat sie in den letzten 12 Monaten hier keinen Ort für junge Leute entdeckt. "Im Winter werden um 17.00 Uhr die Bürgersteige hochgeklappt. Und dann noch die Bauarbeiten in der ganzen Stadt. Keine Parkmöglichkeiten, die wurden alle erst kurz vor der Weltausstellungseröffnung fertig gestellt." So wird das Fahrrad ihr bester Begleiter. Bei Wind und Wetter und vor allem bei Kälte ist sie damit unterwegs. Das Auto von Opa, ihr Luxus als Volunteer, bleibt vor der Wohnung stehen. Das bekommt auch den Stoßdämpfern besser, bei den Löchern in den Straßen, lächelt Acelya. Sie kann verstehen, dass nicht alle in Wittenberg mit den Veränderungen für die Weltausstellung in ihrer Stadt einverstanden sind. Wenn nur in der Innenstadt ausgebessert wird und in den Wohnvierteln alles beim Alten bleibt, kommt das nicht gut an.

Welche Rolle habe ich?

Damals hoffte sie, dass mit dem Frühling das Lebensgefühl wieder leichter wird und sie beißt sich durch. Ihr Verhältnis vor allem zu den Hauptamtlichen ist gut. Vielleicht auch manchmal zu gut, denn als immer mehr Volunteers ankommen, stellt sich die Frage, zu welcher Gruppe sie eigentlich gehört. Da der Altersunterschied zwischen den beiden Gruppen auch nicht so groß ist, pendelt sie und es braucht einige Zeit, um sich zu finden. Heute ist klar, sie ist ein Volunteer mit gutem Draht zu den Hauptamtlichen und darf auch ruhig einmal meckern, wenn Sachen nicht rund laufen.

Davon gibt es einige, denn das Projekt Wittenberg zu einer Weltstadt auf Zeit zu machen, gelingt nur bedingt. Die Besucherzahlen sind geringer, als es sich die Volunteers der Weltausstellung erhofft hatten, Planungen gehen nicht auf.

Türhaus der Gerechtigkeit

Acelya entschließt sich deshalb kurzfristig im Frühjahr, nicht in den Versorgungsbereichen, sondern im Türhaus der Gerechtigkeit mitzuarbeiten. Das heißt Tagesschichten in einem Kunstobjekt direkt neben der Stadtkirche. Das Objekt der Diakonie Deutschland besteht aus vielen Türen in einem Stahlgerüst und ist ein Open Air Ausstellungsraum. Wenn es regnet, dann regnet es durch und bei Wind zieht es wie Hechtsuppe.

Blaugefrorene Finger gehören bei Regen ebenso zum Alltag wie völliges verschwitzt sein und viel, viel Sonne, wenn sie denn scheint. Ihre englischsprachige Kollegin und sie halten es aber aus, auch wenn es Tage gibt, an denen nur 4-5 Besucher*innen vorbei kommen. "Mittlerweile kann ich gut einschätzen, wer angesprochen werden möchte und wer einfach nur die Türen anschauen will. Die lasse ich dann auch in Ruhe." Außerdem kann Acelya ihre Informationen zum Objekt in verschiedenen Varianten erzählen.

Durchhalten oder gehen?

Dennoch sind die Tage lang. Viel Zeit zum Überlegen, was sie will und wo es nach Wittenberg hingehen soll. Soll sie abbrechen oder bis zum Ende durchhalten? Was bringt das? Tage der Auseinandersetzung mit sich selbst. Außerdem ist sie manchmal auch überfordert. Zwar gab es eine Einführung zu der Arbeit des Diakonischen Werks bei der Acelya in Berlin war, aber Detailfragen bleiben eine Herausforderung, die sie nicht immer bewältigen kann. Das verändert sie.

Aber sie mag keine Menschen, die wortbrüchig werden. Also durchhalten und das Projekt bis zum Ende machen. Klar, die Liebe spielt beim Durchhalten auch eine Rolle. Sie erlebt in Wittenberg den Klassiker: man arbeitet zusammen und plötzlich wird daraus mehr. Diese gemeinsame Zeit ist einfach schön, warum sollte man das vorschnell aufgeben?

Bilanz bleibt positv

Der Rückblick fällt für Acelya durchaus durchwachsen aus. So manches stellte sie auf die Beine: In der alten denkmalgeschützten Turnhalle hinter dem Hauptquartier des "Refo´s" richten sich die Volunteers eine Bar und Lounge ein. Am Anfang hat auch hier jede und jeder sein Fach und kommt mindestens einmal am Tag vorbei, um dort die neuesten Informationen zum Einsatzort und Arbeitsaufträge abzuholen. So wird die alte Turnhalle schnell zum Begegnungsort. In kurzer Zeit schaffen sich die Volunteers damit selbst einen Begegnungsort mit Möglichkeiten zum Quatschen, Abhängen und für Partys.

Wohin geht es jetzt?

Ende September wird sie erst noch einmal nach Hause zurückkehren und einige Zeit arbeiten, um Geld zu verdienen. In den Monaten in Wittenberg verdiente sie 225 € pro Monat. Unterbringung sowie Mittagessen und Abendbrot waren in der Kantine umsonst und auch die Rundfunkgebühren wurden übernommen, aber sparen konnte sie von diesem Geld so gut wie nichts. Eine gute Erfahrung, die eigenen Bedürfnisse einschätzen zu lernen. Jetzt ist Reisen ein Bedürfnis.

Durch den Kontakt mit den internationalen Volunteers ist Europa für sie näher gerückt. Jetzt gibt es nicht mehr nur Frankreich, sondern noch viel mehr. Deshalb soll es Anfang des nächsten Jahres nach Spanien, Rumänien und das ein oder andere Nachbarland gehen.

Acelya wird ab April 2018 in Wuppertal Evangelische Theologie studieren. Das war schon vorher ihr Plan und an dem hat sie festgehalten. Den Platz an der kirchlichen Hochschule hat sie fest und auch den Wohnplatz. Einige Male hat sie dafür bereits mit der freundlichen Sachbearbeiterin telefoniert. Sie lacht: "Das habe ich gelernt: Lieber vorher genau nachfragen und Dinge klären, sonst weiß man nicht, wo es lang geht."

Sie macht den Gabelstapler-Führerschein. Das hat viel Spaß gemacht und vielleicht kann man damit während des Studiums mal Geld verdienen.

Sie hat sich im Halten von Andachten erprobt: In der Zeit vor Beginn der Weltausstellung hielt sie jeden Dienstagabend Volunteers-Andachten in der Sakristei der Stadtkirche. Natüröich selbst vorbereitet und gehalten. Sie wollte anderen Volunteers die Möglichkeit zu bieten, einen Stopp im Alltag wahrzunehmen. Damit konnte sie sich sehr gut auf die Konfi-Camp-Andachten vorbereiten. Denn parallel zur Weltausstellung finden jetzt die Konfi- und Jugend-Camps statt, die an drei Abenden der Woche einen Stadtrundgang machen. Dieser endet mit einer Andacht, die Acelya mit viel Begeisterung mit den Konfirmanden und ihren Teamern teilt.

Außerdem fängt sie wieder an, Orgel zu spielen. "Letztendlich habe ich nur drei Wochen intensiv in einer Kirche außerhalb von Wittenberg gespielt, aber ich genieße es, dass ich es immer tun könnte. Das ist meine Freiheit und neben dem wöchentlichen Rehasport mal etwas ganz für mich, was nichts mit der Arbeit hier zu tun hatte. Denn auch wenn alle sich immer vornahmen, nicht ständig über die Arbeit miteinander zu sprechen, landet man doch immer wieder beim Job." Kein Wunder, denn schließlich will man ja auch wissen, was die anderen so den Tag über erlebt haben.

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